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Have Yourself a Merry Little Christmas – Die Weihnachtsgeschichte 2025

Wer diesem Blog schon länger folgt und/oder schon länger beruflich mit mir zu tun hat, der weiß, kurz vor Weihnachten kommt die Weihnachtsgeschichte. Begonnen habe ich damit im Jahr 2013. Und, wie immer in der Vorbereitung auf die diesjährige Weihnachtsgeschichte, habe ich mir die letzten Jahre noch einmal durchgelesen. 12 Jahre sind eine doch nicht ganz kleine Zeit. Und der jährliche Rückblick lässt verdichtet die Veränderungen in der Welt, in Europa, in Deutschland erkennen. Die ersten Jahre schrieb ich von der immer schnelleren Welt aufgrund der Produktivitätsverdichtung durch zunehmende Digitalisierung und Informations-Overload, von Armut mitten in einer der reichsten Städte Deutschlands und ja auch von Kriegen an anderen Enden der Welt, die Deutschland zwar erreichten, aber über die Medien und durch Menschen, die hier Schutz suchten und denen wir Schutz gewährten. Doch trotz all dem, der Frieden und die Freiheit Europas, Deutschlands sowie dessen Wohlstand war ungefährdet, so jedenfalls unser aller Grundgefühl. Die Annektierung der Krim und vieles andere verdrängten wir schließlich erfolgreich. 2020 ändert sich dieses Gefühl der Sicherheit. Die Pandemie brach 2020 über uns herein. 2022 folgte der russische Großangriff auf die Ukraine, der bis heute andauert. Man könnte sagen, das Außen ist nach und nach nach Innen gekommen.

Hoffnungsfroh bleiben 2025 – wie soll das gehen?

Beim Lesen der Weihnachtsgeschichte 2024 war mein erster Gedanke „die könnte ich 1:1 übernehmen“, es hat sich nichts verändert. Ich führte dort aus, dass die Welt unruhig ist,  aber dass dies an sich nichts Neues ist. Schließlich verschließen wir gern die Augen davor, dass in der Welt Krieg über Kriegstattfindet und auch davor, dass selbst in Europa nicht seit 1945 Frieden herrscht. Auf den Tatsachen aufbauend schloss ich auch den 2024er Blogpost mit guten Nachrichten und dem Appell „Wir schaffen das schon! Auch diesmal.

Doch wie Ende 2025 weihnachtlich hoffnungsfroh bleiben? Neben Russland haben die USA in der Nationalen Sicherheitsstrategie verlauten lassen, dass sie von Europa so gar nichts mehr halten und denken, sie müssten Europa „retten“ (lest hier den sehr guten Thread von Ulrike Franke, Senior Policy Fellow am European Council for Foreign Relations zur US National Security Strategy). Danke nein, ich möchte nicht von diesen USA gerettet werden. Aber was interessiert meine Meinung. Die USA schreiben, dass sie in der EU interferieren wollen. Seit der Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist das an sich nichts Neues, aber dies als offizielle Sicherheitsstrategie der USA hat schon eine andere Qualität

Noch anders ausgedrückt: Nun also nicht nur Wahlmanipulation und finanzielle Unterstützung der AfD aus Russland, sondern auch noch aus den USA. Fantastisch. Vor allem, weil wir bereits seit Jahren sehen (und erleben), was allein die russische Desinformation  in Deutschland anrichtet. Nein, das ist keine Meinung. Die russische Desinformation ist ein Fakt. Die stetig steigenden Zustimmungswerte zur AfD sind ein Erfolg der russischen Propaganda, des Informationskrieges, wie er selbst von Russland bezeichnet wird. „Ziel dieser Aktivitäten ist es, Unsicherheiten und Spaltungslinien in der deutschen Gesellschaft zu erzeugen beziehungsweise zu vertiefen […]“. Im Rahmen dieses Informationskrieges wird den den Menschen suggeriert, alles sei schlimmer als schlimm, „die da oben“ knappsten sich alles weg. Und „wir hier unten“ blieben allein. Dazu kommen die bekannten einfachen Lösungsversprechen (die zwar denen „da unten“ gar nicht helfen, aber so genau guckt sich Wahlprogramme halt keiner an). Und schließlich hilft, aus Sicht Russlands, der ÖRR kräftig mit, in dem er AfD-Vertreter unter Verweis auf den öffentlich-rechtlichen Auftrag gerne einlädt, aber falsche Fakten – wider dem öffentlich-rechtlichen Auftrag – dann doch besser nicht einordnet, sondern stehen lässt.  HURRA! Fertig ist der Wahlerfolg. – Wie soll das erst werden, wenn die USA nun auch noch fleißig ihr Gift versprühen und an der Destabilisierung Europas arbeiten?

Ich könnte nun darauf verweisen, dass Deutschland und die größten Teile Europa die Zeichen der Zeit erkannt haben, sich nicht mehr auf die NATO aka die USA verlassen wollen und – hinter den Kulissen sicher noch mehr als öffentlich bekannt – an der notwendigen Verteidigungsfähigkeit Europas im Akkord arbeiten.

Der Glaube daran und dass alles gut werde, ist aber (noch) schwierig(er) aufrechtzuerhalten, wenn sich nicht nur die großen politischen Rahmen verschieben, sondern wenn es auch in der näheren Umgebung nicht mehr so rund läuft. Wenn die Wirtschaftsdaten schlecht sind, Menschen Arbeitsplätze verlieren und einem dazu aus jedem Artikel entgegengeschrien wird, dass KI sowieso alles übernehmen wird.

Doch aus eben diesem Burning Down Modus müssen wir raus. Aber wie?

Perspektivwechsel! Resilienz stärken.

Wir müssen die Perspektive wechseln. Nicht nur auf alles Schlechte, sondern auch auf das Gute sehen. Und wir müssen unsere Resilienz stärken.

Zum Perspektivwechsel: Wir sind eine starke Wirtschaftsnation. Immer noch. Ja, wir müssen uns verändern. Die Rente kann nicht bleiben wie sie ist. (Oh Gott, ich stimme der Jungen Union zu, was macht dieses Jahr mit mir?!?!). Und ja, Merz hat auch nicht unrecht, wenn er sagt, dass wir hier strukturell aufräumen müssen (Ieeeeeks. Jetzt sage ich sogar, dass Merz Recht hat!). Wir müssen uns bei all dem aber (wieder) bewusst machen, dass wir eine starke Solidargemeinschaft sind und bleiben. Dass wir eine starke Demokratie sind und bleiben. Das wir mehr sind. Und dass es uns als Gesellschaft immer noch sehr gut geht. An der einen oder anderen Stelle muss mal die Patina und der Blick auf die „gute alte Zeit“ der 90er abgeschüttelt werden (looking at you Autoindustrie und Merz) und das Hinterherlaufen der AfD muss auch aufhören (looking at you Dobrindt und alle anderen). Wir brauchen Lösungen für uns allle. Langfristig! Das wissen wir als Gesellschaft. Denn wir sind die Gesellschaft. Und eben deswegen wird diese Gesellschaft auch bereit sein echte, strukturelle Umbrüche, auch schmerzhafte, zu tragen.

Um uns aber alle gemeinsam genau dafür, für eine langfristig starke Wirtschaft, starke Gesellschaft, starke Demokratie stark machen zu können, müssen wir selbst stark sein.

Dazu brauchen wir die besagte Resilienz. Doch wie baut man diese auf, in schweren Zeiten? In erster Linie durch das Erleben von Selbstwirksamkeit. Und zu diesem Themenkreis empfehle ich dringend die fantastische Marina Weisband. Ich weiß nicht, ob es überhaupt Menschen gibt, die sie nicht kennen. Sollte das so sein, dann sollte Mensch das dringend ändern. Sie ist nicht nur Diplom-Psychologin, sondern beschäftigt sich intensiv mit den Themen politische Partizipation, digitale Gesellschaft, Medien und Krisen. Kurz, sie beschäftigt sich damit, wie Gesellschaft gerade auch in schwierigen Zeiten, die Beteiligung aller und Selbstwirksam des Einzelnen gelingen kann.

In Bezug auf die Tatsache, dass schlechte Nachrichten grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit nach sich ziehen als gute, sagte Marina Weisband im Deutschlandfunk in ihrer Kolumne mediares: Ich würde das eher als eine gute Nachricht betrachten. Denn es heißt, dass die Welt besser ist, als sie aussieht. Um das zu sehen, müssen wir alle vielleicht häufiger den Bildschirm ausmachen und nach draußen gehen. Uns in der Stadt umschauen. Mit Leuten reden. Gras anfassen. Uns engagieren. Da erleben wir die positiven Seiten der Gesellschaft.“

Man soll sich also sich weniger von den hektischen Timelines und Empörungs-Schleifen auf Social Media hetzen lassen, sondern mehr ins wirkliche Leben sehen und sich insoweit wieder in die Realität kalibrieren. Ich kann dem nur zustimmen. Ginge es nach der ein oder anderen Timeline ist alles furchtbar. Aber die Timeline ist nicht das Leben.

Aber natürlich ist das alles viel einfacher gesagt, als persönlich umgesetzt. Wie gut, dass Marina Weisband passend dazu gerade vor zwei Wochen einen dies vertiefenden Vortrag mit dem Thema „Resilienz: Wie werden wir stärker, wenn die Welt brennt?“ gehalten. Diesen Vortrag (20 Minuten) hat sie dankenswerterweise auf Youtube gestellt. Von mir gibt es dazu eine absolute Hörempfehlung. Schon nach diesen 20 Minuten blickt man positiver auf die Welt und hat dazu gleich noch einfache Methoden and die Hand bekommen, wie man sich die postiven Haltung, die nötige Resilienz, längerfristig erarbeiten und erhalten kann.


Zusammenfassung von Marinas Vortrag: „Resilienz: Wie werden wir stärker, wenn die Welt brennt“

Wenn ihr wie ich seid, dann lest ihr lieber, als Videos zu gucken. Deswegen versuche ich hier einmal, die Core Points aus Marinas Vortrag zusammenzufassen. Grundsätzlich geht es darum, den wichtigen Baustein der Selbstwirksamkeit zu nutzen, um eine eigene Resilienz aufzubauen. Die nachfolgenden Worte, sind nicht Marinas, sondern meine eigenen.

Marina macht das Ganze tausendmal besser, aber dafür müsst ihr Euch einfach doch den Vortrag anhören. Also, hier die kleine, sinngemäße Lesezusammenfassung.

1. Kontrolle übernehmen – auch und gerade im kleinsten Rahmen

Du bist in einer Situation, die Du nicht ändern kannst. Dann ändere den Teil, den Du ändern kannst. Übernimm Kontrolle, soweit es Dir möglich ist. So etwa, wenn Du krank bist. Das ist nicht änderbar. Dann mach es Dir so schön es geht, geh in die Kontrolle, koche Tee, hole Dein Lieblingskissen, gucke Friends. Nimm Einfluss, soweit Du Einfluss nehmen kannst. Erlebe Selbstwirksamkeit.

2. Ownership ergreifen

Triff die Entscheidungen, die Du entscheiden kannst. Nimm Dir Räume, in denen Du Entscheidungen treffen kannst. Der Staat kann nicht alle Probleme lösen. Und auch Du kannst die Welt nicht retten. Aber die Welt, die Nachbarschaft, Deine Umgebung ein wenig schöner und besser zu machen, geht auch, in dem man etwa auf dem Grünstreifen vor der Tür Sommerblumen säht. Die Blumen blühen im Sommer. Oder der kranken Nachbarin anbietet, Medikamente aus der Apotheke zu holen. Man selbst kann etwas bewirken. Selbstwirksamkeit entsteht.

3. Kunst, Schönheit, Freude (er-)leben als subversives die Selbstwirksamkeit stärkendes Handeln

Überlegt, was Euch Freude macht. Malen, Sport, Musik, Freunde treffen? Gleich was, erlebt Dinge, die Euch Freude machen. Jede Freude, gerade, die man sich selbst bereitet, stärkt wieder die Selbstwirksamkeit.

4. Unterbrecht Doom Scrolling – guckt regelmäßig, bewusst, Katzenvideos und konstruktive Nachrichten

Desinformation ist überall. Nicht nur durch russische Kampagnen. Sie entsteht auch dadurch, ungewollt und unbewusst, dass andere empört eine politische Entscheidung in einem Post verbreiten, dabei jedoch nur selbst die Empörung wieder anderer teilen und den den Hintergrund zu dieser Entscheidung nicht gelesen und/oder nicht verstanden haben. Empörung ist oft nicht angebracht. Sie verhindert Konstruktivität. Durch das rezipieren all der tatsächlichen Desinformation aber auch der Dauer-Empörung wird Desinfomation vertieft und Desillusionierung des Einzelnen geschaffen. Das bewusste Hinwenden zum Schönen (Katzenvideos) und das bewusste Aufnehmen konstruktiver ausgewogener Nachrichten, hinterlässt eben nicht die dunklen, hoffnungslosen Spuren, sondern Schönes und das Gefühl, dass eben nicht alles schlecht ist. Auch das ist Selbstwirksamkeit.

5. Schönes gegen Doofes (konsumieren – gestalten – gemeinsam etwas tun)

Schönes gegen Doofes hat Marina nicht einmal gesagt. Aber ich würde es so zusammenfassen. Sie sagt, wichtig sei es, bei allem Unbill, das schöne ins Leben zu holen und zuzulassen. Dabei gäbe es drei Stufen. Die erste und einfachste Stufe sei, etwas schönes zu konsumieren. Dabei geht es nicht um marktwirtschaftlichen Konsum, sondern einfach darum etwas für sich Schönes zu konsumieren, also etwas zu sich zu nehmen. Das kann eine Tier-Dokumentation, ein Eis oder Nichtstun auf der Couch sein. Die nächste Stufe sei das Gestalten. Also in ein Tun zu gelangen. Das kann das Backen eines Kuchens sein, die neue Farbe an der Wand, die kleine Reperatur an der Küchenschranktür. Die letzte Stufe ist dann das „gemeinsam Tun“. Sich zum Beispiel gemeinsam um den Grünstreifen vor der Haustür zu kümmern, gemeinsam dem alten Nachbarn die Einkäufe abzunehmen, sich gemeinsam für eine bessere Schulcafeteria oder Integration von Mitschülern zu kümmern.

In allen drei Stufen führt „Schönes gegen Doofes“ zum Erleben von Selbstwirksamkeit.

Und Selbstwirksamkeit, gerade solidarische führt zu Resilienz.


Ich glaube, dass es für uns als Gesellschaft wirklich wichtig ist, den Blick nach vorne zu richten. Auf das was wir ändern können, was wir aber auch ändern müssen. Ich bin aber guter Dinge, dass wir es schaffen, die nötige Resilienz als Gesellschaft zu stärken und Selbstwirksamkeit auch als einzelen Person (wieder) zu lernen. Denn so schlecht, wie einen der Blick in die Timelines suggeriert, ist diese Welt bei weitem nicht. Um den Blick darauf nicht zu verlieren, empfehle ich als erste Anlaufstelle das Good News Magazin. Täglich gute Nachrichten. Und man soll ja Schönes konsumieren, sagt die Psychologin.  😉

Mich hat dieses Jahr  aus verschiedenen Gründen sehr gefordert. Damit bin ich – wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umsehe – nicht allein. Es ist schließlich auch das Leben, das keine Perfektion vorsieht. Zum Leben gehören schwierige(re) berufliche, gesundheitliche und/oder familiäre Phasen. Ich kann für mich sagen: Ende gut, alles gut! Trotzdem kostet dieses ganz normale Leben auch Kraft und dabei lässt sich die Weltenlage nicht ausblenden. Aber gerade deswegen nehme ich mir fest vor, das eine oder andere, worüber Marina in ihrem Vortrag redet, umzusetzen.

Das beginnt bei mir nun damit die Kanzleitüren zu schließen. Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen. Schönes zu erleben. Mir selbst zu einem kleinen gemütlichen Weihnachten zu verhelfen.

Have yourself a merry little Christmas
Let your heart be light
From now on, our troubles will be out of sight

Have yourself a merry little Christmas, Frank Sinatra

Und das wünsche ich Ihnen auch. Machen Sie es sich schön. Schalten Sie die digitalen Endgeräte aus. Essen Sie Kekse. Umgeben Sie sich mit lieben Menschen. Und wenn Sie Dienst haben, dann wünsche ich Ihnen so ruhige Dienste wie möglich und daneben Zeit für Plätzchen und liebe Menschen.

2026 starten wir dann alle gestärkt(er) und resilienter in das neue Jahr. Deal?

In diesem Sinne,

frohe Weihnachten.

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Nina Diercks (M.Litt, University of Aberdeen) arbeitet seit 2010 als Rechtsanwältin. Sie führt die Anwaltskanzlei Diercks in Hamburg. Die Anwältin berät und vertritt Unternehmen bundesweit, ist jedoch ausschließlich im IT-| Medien-| Datenschutz und Arbeitsrecht tätig. Daneben steht die Nina Diercks gern und oft als Referentin auf der Bühne sowie als Interviewpartnerin und Gastautorin zur Verfügung. Dazu hat sie im Jahr 2010 diesen Blog (früher: Social Media Recht Blog) ins Leben gerufen. Mehr

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